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With You

 

(zuerst wollte ich Rob als „Hauptfigur“ reinbringen, aber das mache ich bei der nächsten. Denn in dieser kann es nur Mike geben..)

 

Als ich in den kleinen Raum kam, sah ich nur Rob. Die anderen schienen noch nicht da zu sein. Es war ja auch noch zu früh. Unser Drummer saß hoch konzentriert an seinem Schlagzeug und spielte sich für die bevorstehende Probe warm. Leise begab ich mich zum kleinem Sofa und schaute ihm zu. Es war erstaunlich, wie sehr er sich in sein Spiel vertieft hatte. Ich nahm Platz und zog meine Beine an. In dieser verkrümmten Position saß ich da und betrachtete meine Hände. Die Finger waren schlank und gerade. Mehr war im Moment auch nicht zu sehen. Denn ich trug Handschuhe. Vorsichtig zog ich sie aus und betrachtete dann meine Handflächen. Sie waren total kaputt. Das Verband, welches ich herumgebunden hatte, war übersät mit blutigen Stellen. Warum hatte ich die Schale auch fallen lassen? Ich wusste doch, das Marc immer so schnell durchdreht. Doch die Hände waren nichts im vergleich zu dem, was ich sonst so durchmachen musste. So in Gedanken vertieft bemerkte ich nicht, das mein Rucksack herunterfiel und sich der ganze Inhalt auf dem Boden ergoss. Jetzt hatte mich auch Rob bemerkt. „Alex! Ich hab dich gar nicht bemerkt!“ Er stand auf und kam auf mich zu. Schnell versuchte ich die Handschuhe wieder anzuziehen. Dann kniete ich mich hin, um meine Tasche einzuräumen. Verdammt, warum musste das jetzt passieren?! Zum Glück hatte Rob weder meine Hände, noch die vielen Tabletten bemerkt, die aus der Tasche gefallen waren. „Alles okay bei dir?!“ fragte er mich. Ich versuchte zu lächeln, doch es war wohl zu gequält. Ohne etwas zu sagen, umarmte ich Rob. Er war einer meiner besten Freunde und ich kannte ihn schon ne ganze Zeit. „Es ist alles in Ordnung. Nichts, worüber du dir Sorgen machen solltest!“ flüsterte ich ihm ins Ohr. „Aber...“ doch bevor er weiter sprechen konnte, wurde die Tür zum Proberaum geöffnet. Schnell löste ich mich von Rob. Denn Marc hatte den Raum betreten. Innerlich versteckte ich mich hinter meinem Schutzwall und sah zu Boden. Ich schloss meine Augen. Verdammt, wie ich diesen Kerl hasste. Ich konnte ihn einfach nicht mehr sehen. Jedes Mal, wenn wir miteinander geschlafen hatten, wollte ich sterben. Ich wollte ihn nicht mehr um mich haben. Doch ich hatte zu viel Angst, es ihm ins Gesicht zu sagen. Angst davor, wieder geschlagen zu werden. An seinen Schritten hörte ich, dass er mehr oder weniger gut drauf war. Wahrscheinlich war er wieder bei dieser Mary gewesen. Zuerst begrüßte er Rob mit einem einfachen Handschlag. Dann sah er mich von der Seite an, legte seinen Arm um meine Taille und zog mich an sich. Als er mich küsste, musste ich mich zusammenreißen, um ihm nicht wegzustoßen. Dann hielt er mich im Arm und flüsterte so leise, das ich es kaum verstehen konnte: „Wage es ja nicht, irgendjemandem davon zu erzählen. Du weißt was sonst passiert!“ Dann ließ er mich los. Ich stand da, mit geschlossenen Augen, um ihn nicht ansehen zu müssen. Innerlich bebte ich vor Wut und Hass. Doch mein Körper gehorchte mir nicht, und begann zu zittern. Auf einmal wurde mir Schlecht. Marc hatte so viele Mittel, mich fertig zu machen. Ja er konnte mir sogar meinen Job wegnehmen. Langsam setzte ich mich wieder aufs Sofa. Ich hielt die Augen die ganze Zeit geschlossen, denn ich wollte nicht zurück in die Realität. Rob und Marc redeten gerade über die Probe, also achteten sie nicht auf mich. Vorsichtig öffnete ich meine Tasche und nahm eine der Tabletten heraus. Doch bevor ich sie nehmen konnte, wurde die Tür ein weiteres Mal geöffnet und herein kamen Brad, Joe und Mike. Marc ging auf die eingetroffenen Bandmitglieder zu und begrüßte sie. Rob sah mich an. Doch er ging schweigend an mir vorbei. Nachdem sich die Jungs untereinander begrüßt hatten, kamen die Neuankömmlinge nun auf mich zu. Joe, wie es seine Art war, warf sich aufs Sofa und umarmte mich stürmisch. Dabei musste ich meine Handflächen, die ich eigentlich schonen wollte, auf die Sitzfläche legen. „Hey Alex, kleines! Alles klar?!“ Ich wusste, dass Joe keine Antwort erwartete, denn so lief es jedes Mal ab. Das machte Marc immer verrückt. Und Joe wusste das. Leider wusste unser DJ nicht, was ich nach jeder Probe, bei der ich teilnahm, darunter leiden musste. Um Joe zu entkommen, war ich wieder aufgestanden. Nun umarmte mich Brad. Wortlos, und knapp, so wie es immer seine Art war. Er wollte keinen Streit mit Marc. Denn alle wussten, dass mein „Freund“ sehr schnell eifersüchtig wurde. Nun stand ich vor Mike. Mein Herz pochte, meine Hände zitterten. Verdammt, was war mit mir los?! Als Mike mich in seine Arme schloss, spürte ich etwas, das mir Angst machte. Doch ich ließ mich einfach fallen. „Hi Anna!“ flüsterte er. Mike war der einzige, der mich bei meinem ersten Vornamen nannte. Anna Alexis Lovejoy. Seit vier Jahren kannte ich Mike. Er und die Jungs waren meine besten Freunde und kannten mich besser als jeder andere. Eigentlich hatten wir keine Geheimnisse voreinander. Doch ich konnte ihnen nicht erzählen, was zwischen Marc und mir passierte.

Als er von mir abließ, sah er mir tief in die Augen. Schnell blickte ich zu Boden, denn ich wollte nicht, dass Mike wegen mir Schwierigkeiten bekam.

 

Da saß sie. Wie immer völlig in ihrer Welt versunken. Meine kleine Träumerin. Nachdem Joe und Brad sie begrüßt hatten, merkte ich schon, dass Marc mal wieder schlecht drauf war. Nun stand sie vor mir. Irgendwas war hier in der Luft, das merkte ich. „Was ist heut mit ihr los?“ fragte ich mich. Ihr hübsches Gesicht hinter ihren langen, dunklen Haaren versteckt, die Augen gesenkt, so dass sie niemanden ansehen musste. Ich nahm sie in die Arme. Ich spürte, dass Anna sich richtig fallen ließ. Ich wollte sie für immer festhalten. Doch ich konnte ihr nur noch ein leises „ Hi Anna!“ ins Ohr flüstern, bevor ich sie loslassen musste. Denn Marc wurde schon unruhig. Ich versuchte, ihr in die Augen zu sehen, doch sie blickte zu Boden. „Wetten, das Marc wieder Stress gemacht hat?!“ fragte ich mich. „Sollen wir nun anfangen? Ich hab einen neuen Text mitgebracht!“ sagte Marc, um uns alle von Anna abzulenken. Diese hatte sich wieder auf das Sofa gesetzt und sah gar nicht gut aus. Sie war total blass und wirkte abwesender als sonst. „Anna?! Was ist los?!“ fragte ich besorgt. Sie sah mich nicht an. Statt ihrer antwortete Marc: „Es ist nichts. Sie ist nur etwas erkältet. Nicht wahr Süße?!“ Anna nickte schwach. „Ich werde nach Haus gehen, und mich hinlegen“ sagte sie leise und stand auf. „Nein, du solltest nicht allein gehen. Ich kann dich schnell heimbringen“ bot ich mich an. Doch wie eigentlich erwartet, war Marc dagegen. „Ach was, sie kann sich auch hier aufs Sofa legen“. „Ich würde aber lieber nach Hause gehen“ widersprach Anna. Es war das erste Mal, das sie ihm etwas entgegen brachte. „Wieso denn? Wir können auch nachher zusammen Heim gehen. Du legst dich jetzt da auf das Sofa und schläfst ne Runde!“ In Marcs Stimme lag etwas Bedrohliches. E ging auf sie zu, nahm sie am Arm und legte sie hin. Dann holte er eine Decke und bedeckte ihren Körper. Wie betäubt lag Anna da und sagte kein Wort. „Lasst uns nun endlich anfangen!“ sagte Marc. Wir alle begaben uns zu unseren Instrumenten. Doch so richtig wollte niemand von uns proben, wenn Anna krank auf dem Sofa lag.

 

Ich weiß nicht, wie ich nach Hause gekommen bin, aber ich vermute mal, dass Marc mich getragen hat. Mir war immer noch schlecht und ich fühlte mich, als würde jede Stelle meines Körpers brennen. Ich dachte immerzu an Mike und an das Gefühl, welches ich hatte, als er mich berührte. Als ich meinen Kopf zu Seite drehte, sah ich Marc. Er schlief. Als ich versuchte, mich aufzusetzen, knickten meine Arme weg und ich fiel wieder aufs Bett. Zum Glück hatte Marc nichts bemerkt. Als ich es endlich geschafft hatte, aufzustehen, schlich ich zum Badezimmer und verriegelte die Tür. Als ich in de Spiegel sah, bemerkte ich, dass meine Augen rot unterlaufen waren. Warum?! Ein kalter Wind kam auf und ich bemerkte, dass das Fenster auf war. Aber ich hatte keine Lust, es zu schließen. Also strich ich über meine Arme, um sie Gänsehaut zu verscheuchen. Doch plötzlich brannte es. Ich blickte in den Spiegel, und entdeckte zwei große, dunkle Flecken an den Oberarmen. Verdammt! Wo kamen die denn her?!
BUMM BUMM BUMM

Erschrocken drehte ich mich zur Tür um. „Alex mach die Tür auf!“ forderte Marc. Vor Schreck konnte ich mich nicht bewegen. Wieso war er wach? Normalerweise schlief er immer, nachdem wir....

Zitternd und verängstig schlich ich zur Tür und schloss sie auf. Sofort stürmte Marc herein, drückte mich an die Wand und schrie: „Was hattest du vor?! HÄ?!“ Suchend sah er sich um. Plötzlich sah er das offene Fenster. „AH DU WOLLTEST ABHAUN? DAS KANNST DU VERGESSEN!“ Er zog mich aus dem Bad. Ich stolperte über die Türschwelle und fiel hin. „DU KLEINES MISTSTÜCK!“ Marc griff nach meinem Kopf und zog mich an den Haaren nach oben. Ich konnte mich weder wehren, noch irgendetwas zu meiner Verteidigung sagen, denn ich wusste, das Marc mir nicht glauben würde. Er schliff mich zum Bett, warf mich drauf und sagte: „Ich hab dir gesagt, dass du nicht von mir wegkommst.“ Vorsichtig versuchte ich, mich von ihm weg zu schieben, doch er bemerkte es. „Wirst du wohl liegen bleiben.“ Er setzte sich auf mich und hielt meine Hände fest. Er saß genau auf meiner Brust, so dass ich keine Luft bekam. Ich hatte nicht die Kraft, mich zu wehren. Ich brachte kein Wort heraus. Mein Stolz war gebrochen, er hatte mich in seinen Händen. Ich würde mich nie wieder wehren. Mein Körper gehört ihm.

 

Es war schon lange her, das ich Anna das letzte Mal gesehen hatte. Marc meinte irgendwas von wegen, sie wäre zu ihrer Freundin nach Arizona gefahren, um dort an einer Fortbildung teilzunehmen. Doch das kam uns allen merkwürdig vor, denn normalerweise hätte Anna sich von uns, ihren Freunden, verabschiedet. Seit knapp vier Wochen war sie nun verschwunden und hatte sich nicht gemeldet. Marc war eigentlich normal drauf. Das heißt, falls man Marc normal nennen konnte. Wir alle wussten, dass er sehr schnell eifersüchtig war und Anna wie sein Eigentum behandelte. Joe, der mir gegenüber saß, bemerkte, dass ich nicht ganz bei der Sache war und berührte mich am Arm. „Hey Mike, alles okay?!” Verwirrt schüttelte ich den Kopf . „Was?! – Oh entschuldige, Ich war ganz in Gedanken.“ Joe lächelte. „Ja das hab ich gemerkt. – Hast du mal wieder an Anna gedacht?“ fragte er. Und ohne eine Antwort von mir abzuwarten sagte er: „Natürlich hast du an sie gedacht. An wen auch sonst.“

„Ich mach mir einfach Sorgen um sie. Ich meine, sie hat sich nicht verabschiedet, meldet sich nicht. Das ist nicht Annas Art. Das weißt du genau so gut wie ich.“ Mein Kumpel nickte nachdenklich. „Hey, ich mach dir ein Angebot. Wenn Anna sich bis Ende der Woche nicht gemeldet hat, dann fahren wir zu ihrem Apartment und sehen nach, okay?!“ Ich konnte nur nicken. Mir bleib ja nichts anderes übrig. „Wenn es bis dahin noch nicht zu spät ist!“
“Mike, jetzt male den Teufel nicht an die Wand, okay?!“

Joe konnte das so einfach sagen. Er hatte ja auch nicht ein merkwürdiges, unbeschreibliches Gefühl im Magen, wenn sie vor ihm stand. Und das wusste ich mit Sicherheit, denn Joseph Hahn hatte sich vor drei Monaten Verlobt. Ende des Jahres wollte er heiraten. Ich konnte mir Anna in einem weißen Hochzeitskleid vorstellen. Ihre dunklen Haare hochgesteckt, einen Strauß roter Rosen in den Händen. Oder weißer Lilien, ihre Lieblingsblumen. Doch Marc war nicht der richtige Bräutigam. Wie bitte war ich so plötzlich von Joe auf Anna gekommen?! Ich machte mir wirklich große Sorgen um sie. Hoffentlich ging es ihr gut.

 

Endlich war es Freitag. Wir wussten, dass Marc Freitags immer zu seinen Eltern nach New York fuhr. Rob, Brad, Joe und ich saßen in Joes Wagen und schwiegen. Keiner wusste, wie genau wir es angehen sollten. Sollten wir einfach an die Tür klopfen? Was, wenn Anna nicht öffnen konnte....

Fragen über Fragen, und niemand hatte eine Antwort. Endlich kam meine Stimme wieder. Lasst uns endlich gehen!“ Ich öffnete die Tür von Joes Wagen und stieg aus. Es regnete und war für diese Tageszeit schon sehr dunkel. Zielstrebig ging ich auf das Haus zu, in dem Annas Apartment war. Ich drückte auf die Klingel mit dem Namen Lovejoy. Doch wie erwartet öffnete niemand. Um hinein zu kommen, drückte ich einfach auf eine andere Klingel. Da ich Anna schon öfter besucht hatte, wusste ich, wer mir die Tür öffnen würde, und wer nicht.

Endlich ertönte ein Summen, und ich konnte die Tür aufdrücken. Brad und Rob folgten mir, während Joe im Auto geblieben war. Schnell liefen wir den Flur entlang. Vor Annas Tür angelangt sahen wir uns an. Wenn schon niemand die Tür zum Wohnblock öffnete, würde diese hier garantiert niemand öffnen. Ich klopfte.

 

BUMM BUMM BUMM...

Langsam öffnete ich meine Augen. Ich lag auf dem Sofa, total benebelt. Irgendwie war alles verschwommen. Meine Augen taten weh und mein Kopf dröhnte als wenn mir jemand ne Überdosis Morphium gegeben hätte. Verdammt, wieso lag ich hier nur in Unterwäsche? Und wo war Marc?! Welcher Tag war heute? Und wie lang lag ich schon hier?!

Plötzlich hörte ich Stimmen....

 

„Es hat keinen Zweck, sie ist nicht da. Marc hat wohl die Wahrheit gesagt...“ Nein, das konnte nicht sein. Es war einfach nicht ihre Art, so plötzlich zu verschwinden und sich nicht zu melden. Plötzlich sagte jemand: „Was macht ihr hier?!“ Erschrocken drehten wir uns um, und mussten feststellen, dass Marc hinter uns stand. Wir alle waren so verwirrt, das keine von uns einen Ton herausbrachte. „Hey Marc, wir wollten sehen, ob du noch da bist. Ähm... Wir wollten fragen, ob wir heute nicht noch mal üben können“ log ich. Verdammt, wieso war er nicht unterwegs nach New York? „Klar können wir das. Lasst uns gehen.“ Er drehte sich um und ging Richtung Ausgang. Rob und Brad sahen mich an. Was nun?!

 

Als die Stimmen leiser wurden, versuchte ich, herauszufinden, welchen Tag wir heute hatten. Vorsichtig stand ich auf. Shit, ist mir schwindlig. Um nicht zu fallen hielt ich mich am Sofa fest und ging so voran. Warum musste dieser verdammte Kalender auch in der Küche hängen?! Im Flur kam ich an einem Spiegel vorbei. Eigentlich hatte ich nicht hineinsehen wollen, doch mir blieb einfach nichts anderes übrig. Aber ich hätte es besser lassen sollen. In meinem Gesicht sah ich zahlreiche Platzwunden. Besonders auf der Stirn. Als ich an mir heruntersah bzw. an meinem Spiegelbild, entdeckte ich blaue Flecken, einige von ihnen schon braun – gelb. Einige von ihnen waren so groß wie Tennisbälle. Wankend lehnte ich mich gegen die Wand. Ich spürte zwar keinen Schmerz mehr, doch irgendetwas war da, was meine Tränen laufen ließ. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ich konnte nur heulen. Was war mit mir passiert? Warum musste ich so etwas durchmachen. Ich drehte mich zur Seite und blickte auf den Kalender. Heute war der 30. August. Vor einem Monat hatte ich das wundervolle Gefühl erlebt, das Mike mir beschert hatte. Am gleichen Abend hatte Marc versucht mich zu vergewaltigen. Er hatte meinen Willen gebrochen Und mich in einen Käfig gesperrt. Einen Käfig, aus dem ich unmöglich ausbrechen konnte. Er hatte meine Seele in meinen eigenen Körper geschlossen. Unmöglich, mit anderen Dingen in Verbindung zu treten. Eingesperrt und abgeriegelt. Verschlossen in einer Festung aus Eis. Mein Körper war nur eine leblose Hülle, mit der er alles machen konnte. Verdammt, wie konnte das passieren?!

 

Wieso war Marc nicht in NY?! Diese Frage stellten sich wohl auch die anderen, als wir zusammen zu Rob fuhren. Wir waren so nah dran gewesen. „Hast du schon was von Anna gehört?!“, traute ich mich zu fragen. Marc sah mich nicht an. „Ja“, war seine Antwort. „Und wie geht es ihr?!“, fragte ich weiter. „Gut“. Er war verdammt kurz angebunden. „Und wann kommt sie wieder?!“ Doch darauf antwortete er nicht. Ich sah Rob an, der neben mir saß. Sein Blick war in die Ferne gerichtet. Ich wusste, wie stark seine Bindung zu Anna war. Immerhin kannten sie sich schon eine halbe Ewigkeit. Als wir endlich bei Rob ankamen, sagte niemand ein Wort. Die Probe verlief relativ normal. Als Marc mit dem Taxi nach Hause fuhr, blieben wir noch bei Rob. „Ich dachte, der fährt nach NY!“ sagte Brad aufgebracht. „Was denkst du, was wir gedacht haben?!“ gab Joe gereizt zurück. „Was ist, wenn sie gar nicht weg ist, sondern da in der Wohnung liegt und verreckt?!“ sagte Brad. Alle sahen ihn an. „Halt dein Maul und sag nicht so etwas!“ schrie Rob beinahe. Brad sah ihn an. „Woher willst du das Gegenteil wissen?! Hä? Ich denke, ihr seidt so gute Freunde. Warum hat sie dir dann nicht gesagt, das sie wegfährt?!“ Rob stand auf. Vollkommen blass, sein Gesicht wutverzerrt. Er wollte gerade auf Brad losgehen, als ich dazwischen ging. „Hey Leute! Beruhigt euch mal ja?!

Keiner von uns weiß, wie es ihr geht. Und solange wir nicht genau wissen, wo sie ist, müssen wir versuchen, in ihre Wohnung zu kommen. Irgendjemand muss Marc ablenken. Am besten warten wir bis morgen. Das gefällt mir genau so wenig wie euch. Aber es fällt zu sehr auf, wenn wir plötzlich wieder bei ihm vor der Tür stehen.“ Rob setzte sich wortlos zurück auf seinen Platz und Brad stand einfach nur da. Wir alle waren echt betroffen und wussten nicht, was wir tun sollten. Irgendwie musste Anna doch zu erreichen sein.

 

Als sich die Tür öffnete, saß ich immer noch an der Wand und weinte. Ich hatte keinerlei Zeitgefühl und wusste nicht, wie lange die Tränen schon liefen. Meine Augen schmerzten und ich hatte das Gefühl, als würden sie brennen, so wie der Rest meines Körpers. Als die Tür ins Schloss fiel, sah ich auf. Marc stand vor mir, ein böses Lächeln im Gesicht. „So so, ist Dornröschen aus ihrem Schlaf erwacht?!“, fragte er spöttisch. Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach, also sagte ich nichts. Er nahm mich an der Hand und zog mich nach oben. Plötzlich umarmte er mich und streichelte meinen Kopf. „Alex, es tut mir Leid, was passiert ist.“ Ich konnte mich nicht bewegen. „Aber ich musste so handeln. Ich meine, ich lass mich doch nicht von dir verarschen. Oder glaubst du, ich würde dich einfach gehen lasen?!“ Solche Sprüche hatte er schon einmal gebracht. „Hör zu, Montag kannst du mit zu Bandprobe kommen. Aber du wirst den Jungs nichts sagen kapiert? Du wirst ihnen das sagen, was ich will, ansonsten weiß ich nicht, was ich mit dir machen werde! Hast du mich verstanden!“ Das war keine Frage gewesen. Stumm nickte ich. Ich zitterte am ganzen Körper, aber ich hatte keine Ahnung warum das so war. Hatte Marc mich so sehr unter Kontrolle?

 

Das Wochenende verlief so langsam wie noch nie. Meine Nerven waren blank und ich hatte immer noch keine Ahnung, wie ich Anna erreichen konnte. Zu allem Übel hatte ich heute auch noch Bandprobe, das hieß, ich würde auf Marc treffen, auf den ich eh nicht mehr so gut zu sprechen war. Und ich glaube, das beruht auch auf Gegenseitigkeit. Ich machte mich also, schweren Herzens auf den Weg zu Rob.  Unterwegs kam ich an einem TV Laden vorbei und bemerkte, dass dort gerade die Nachrichten in einem der ausgestellten Fernseher liefen. Ich konnte nichts hören, aber ich sah, dass es einen Unfall auf dem Highway von Arizona gegeben hatte. Ein Bus war von der Strecke abgekommen, und in ein entgegenkommendes Auto gerast. Hoffentlich ist Anna nichts passiert! dachte ich besorgt.

Es musste so ungefähr 16 Uhr gewesen sein, als sie die Tür zum Proberaum öffnete. Wir alle waren voll in unseren Noten vertieft, dass wir es zuerst gar nicht mitbekamen. Als Rob dann aber mit einem schwer definierbarem Gesichtsausdruck zur Tür sah, ließen auch wir unsere Noten außer Acht, und starrten zur Tür. Das konnte nicht wahr sein...

 

Ich hätte zu Hause bleiben sollen. Grippe vortäuschen oder sonst was. Aber unter gar keinen Umständen wollte ich Marc bei der Bandprobe besuchen. Doch es war die einzige Gelegenheit, meine Freunde zu sehen. Ich stand in der Tür, und alle sahen mich an. Robs Augen waren geweitet und ich erkannte, dass sich Tränen darin gebildet hatten. Ich konnte gar nicht so schnell reagieren, so schnell waren die anderen um mich herum und schlossen mich in ihre Arme.

Rob sah mich an und nahm meinen Kopf zwischen seine Hände und sagte: „Verdammt Alex! Wo warst du?!“ Ich konnte nicht Antworten. Von der Begrüßung war ich so gerührt, das auch mir Tränen in die Augen stiegen. Jeder einzelne umarmte mich noch einmal und wollte mich gar nicht mehr loslassen. Als ich vor Mike stand, sagte dieser: „Wir haben uns ganz schön Sorgen um dich gemacht!“

„Ich weiß. Es tut mir auch Leid. Aber das mit der Fortbildung kam so plötzlich. Und als ich in Arizona war, hatte ich sehr viel zu tun. Ich hoffe ihr könnt mir verzeihen!“ Alle nickten. „Und woher kommen die blauen Flecke in deinem Gesicht?!“ fragte Mike. Plötzlich stand Marc hinter mir.

 

Ich sah, wie sie zusammenzuckte. Keine Ahnung, ob die anderen es auch gemerkt hatten. Marc legte seine Arme um Anna und liebkoste ihren Hals. Ich konnte sehen, dass sie zitterte. „Ich... ich hatte einen Unfall.“ In ihrer Stimme lag Angst. „Wie? Einen Unfall?!“ fragte Rob aufgeregt. Ich glaube, er hat sie von uns am meisten vermisst. „Ich saß in dem Bus, der in das Auto rein gefahren ist...“ Natürlich hatten die anderen schon davon gehört. Marc sah uns an. „Tut mir Leid, das ich euch davon nicht gesagt habe, aber ich hab es auch erst gestern erfahren.“ Rob ging noch mal zu Anna und zog sie von Marc weg. Er nahm sie in den Arm und wiegte sie wie ein kleines Kind. An Marcs Blicken sah ich, wie wütend er war.

 

„Ich hab dich vermisst! Jeden Tag hab ich auf einen Anruf gewartet...“ Robs Stimme war kaum zu hören. Er hatte mich so fest an mich gedrückt, dass ich meine ganzen Blutergüsse spüren konnte. Ich sah vorsichtig zu Marc. Sein Blick haftete an Robs Rücken und ich konnte mir denken, wie wütend er war. Aber Rob war schon seit Jahren mein bester Freund, und er kannte mich wie kein anderer Mensch. Ich war froh, dass er da war.

 

Ich weiß nicht mehr, wie es kam, aber irgendwie haben wir dann doch weitergeprobt. Anna hatte sich auf das Sofa gesetzt; da, wo wir sie zum letzten Mal vor etwas über einem Monat gesehen hatten. Doch sie hatte sich verändert. Ihre Augen strahlten nicht mehr und ihr Äußeres hatte sehr gelitten. Sie hatte uns zwar glaubwürdig geschildert, wie der Unfall abgelaufen war, doch ich glaubte ihr nicht. Irgendetwas war vorgefallen.

Nach ungefähr einer halben Stunde verabschiedete Anna sich vorerst. Sie sagte, sie habe Kopfschmerzen und wolle etwas spazieren gehen. Marc gefiel das gar nicht, denn er konnte ja nicht weg, und verbieten konnte er es ihr auch nicht. Also ging Anna hinaus in den kalten Herbsttag und ließ uns mit unseren Gedanken allein.

 

Ich konnte nicht anders, ich musste einfach weg. Sie waren alle so glücklich und schienen sich über meine angebliche Rückkehr zu freuen. Und was hatte ich getan? Sie angelogen. Ihr Vertrauen mehr oder weniger missbraucht und ihnen etwas vorgespielt. Und warum das alles?! Ich wusste die Antwort, doch ich wollte es mir nicht eingestehen. Ich ging in den Park. Der einzige Ort, an dem ich mich richtig konzentrieren konnte.  Mein Kopf tat höllisch weh, und ich hatte Angst davor, nachher allein mit Marc in der Wohnung zu sein. Den ich wusste, er würde wieder durchdrehen. Immerhin hatte ich mich intensiv von Rob umarmen lassen. Ich hatte mich schon oft gefragt, warum er eigentlich noch mit mir zusammen war, wenn er mich doch hasste. Immerhin hatte er noch eine andere neben mir. Er war beinahe jeden Abend bei Mary. Warum ließ er mich nicht einfach gehen? Machte es ihm spaß, mich zu quälen? Ich verstand ihn einfach nicht. Aber er kontrollierte mich und konnte mir alles Mögliche antun, denn er wusste, dass ich mich niemals wehren würde. Ich war einfach zu schwach. Die ganzen Tabletten, die er mir einflösste, die mich betäubten oder mir das Zeitgefühl nahmen. Nur Gott weiß, woher er die bekommt.

Anscheinend hatte ich ziemlich lange im Park gesessen, denn als ich durch ein lautes Geräusch aus den Gedanken gerissen wurde war es bereits 18 Uhr. Verdammt, ich sollte doch schon längst wieder bei Rob sein! So schnell es ging lief ich zurück.

 

„Sollte sie noch herkommen, dann warn sie bitte vor okay?!“ bat ich Rob. „Klar. Ich wird’s ihr ausrichten. Mach dir keine Sorgen. Er wird ihr schon nichts antun. Da bin ich mir sicher.“ Oh Rob, deinen Glauben möchte ich haben. Als ich draußen vor der Tür stand, sah ich zum Himmel. Es sah nach Sturm aus. Hoffentlich hat Rob Recht.

 

Es war relativ leise, als ich bei Rob ankam. Verdammt, sie waren also schon fertig. Vorsichtig öffnete ich die Tür. Im Proberaum war niemand zu sehen. Ich trat ein und suchte nach Marcs Sachen, die ja normalerweise immer hier herum lagen. Doch ich fand nichts. Das würde wieder Stress geben. Ich ging zum Sofa und nahm Platz. Ich spürte schon, wie die Tränen liefen. Die Blutergüsse taten jetzt schon weh, und ich wollte gar nicht daran denken, was passieren würde wenn Marc sich heute abreagierte. Ich wollte nicht mehr. Warum musste ich immer Schmerzen haben?! Nur um dran erinnert zu werden, wie scheiße mein Leben doch war?! Warum war ich damals darauf eingegangen?! Nur um von zu Hause wegzukommen? Wenn ich heute mit damals vergleiche, gefällt mir meine Vergangenheit besser. Mein damaliger Kunstlehrer hatte nicht ganz so hart zugeschlagen, wie Marc. Außerdem hatte er nie ins Gesicht geschlagen. Und immer, wenn er seinen Spaß gehabt hatte, hatte er mir gedroht, es ja niemanden zu erzählen. Plötzlich stand Rob neben mir. „Hey Alex. Was ist los?” fragte er und setzt sich zu mir. In diesem Moment konnte ich einfach nicht anders. Ich konnte meinen besten Freund nicht anlügen. Ich erzählte ihm alles. Ich erzählte ihm, das Marc mich schlug, dass er mich die ganze Zeit in der Wohnung gelassen hatte, und das ich fast gestorben wäre. Es kam alles raus und je mehr ich erzählte, desto besser ging es mir. Ich spürte regelrecht, wie sich der Berg, der auf meinem Herzen lag, verschwand. Rob hatte die ganze Zeit geschwiegen und mich nicht unterbrochen. Er saß einfach nur da und hörte mir zu. So, wie er es schon immer getan hatte. Auch, als er mich in den Arm nahm, sagte er kein Wort. Er streichelte mir über den Kopf und hielt mich fest. „Rob, warum ich?! Warum verfolgt es mich?“

„Weil du es zulässt. Es ist wie damals. Du lässt zu, das man dich verletzt.“

„Aber wie kann ich das verhindern?!“ Ich war echt am Boden zerstört. „In dem du dich wehrst. Lass nicht zu, das Marc oder sonst wer dir irgendwas antut...“

„Das sagst du so einfach!“ unterbrach ich ihn. Er umarmte mich wieder und legte meinen Kopf auf seine Schulter. „Alex. Warum bist du nicht schon früher zu mir gekommen?!“ Ich konnte nichts mehr sagen. Meine Stimme war wie weggeblasen. Er hatte ja Recht. Außerdem hatte ich sie alle angelogen. Mir fehlte der Mut, jetzt noch etwas zu sagen. Ich saß einfach da und sagte gar nichts.

 Robs Hand strich über meinen Rücken und verjagte die Gänsehaut, dir mit der Angst kam. „Es ist alles meine Schuld“ sagte er. „Wieso deine?!“

„Weißt du noch, wie wir drei damals immer in der Schule rum gehangen haben? Du, Marc und ich?! Marc hat dich damals echt gern gehabt, doch du warst dir nicht sicher, ob er es ernst meinte. Ich hab dir dann geraten, es doch zu versuchen. Und das hast du dann gemacht. Und was ist letztendlich geschehen?! Er schlägt dich und hätte dich beinahe umgebracht.“ Eine Träne rann über seine Wange. „Ach Rob. Das konntest du doch nicht ahnen. Glaub mir, ich gebe dir nicht die Schuld daran. Ehrlich.“ Ich sah Rob in die Augen. Meinem besten Freund, den ich schon so lange kannte. Wie hatte ich ihn nur anlügen können?! Wie hatte ich das Vertrauen des Menschen missbrauchen können, der mich vor allen Bösen beschützen wollte? Ich fühlte mich elend und hoffte, das Rob mir verzeihen würde. Die Augen meines besten Freundes waren sehr dunkel, und ich verlor mich in seinem Blick. In dem Moment, in dem wir uns näher kamen, war mir alles egal. Ich ließ mich einfach in seinem Blick fallen.

 

Es hatte eigentlich gar keinen Zweck, sich zu beeilen. Er würde sowieso wütend sein. Aber je früher ich zu Hause ankam, umso früher würde er die Lust daran verlieren, mich zu schlagen. Es war kalt und der Himmel war dunkel. Es musste schon nach 20 Uhr sein, denn die Straßen waren leer, und ich fühlte mich einsam und verlassen. Als ich am Wohnblock ankam, stand ich einfach nur vor der Tür und hoffte, ich würde endlich aus einem langen, schrecklichen Alptraum aufwachen – und zwar noch bevor ich diese Tür öffnete. Doch leider war dem nicht so. Ich schlich durch den Korridor und lauschte den üblichen Geräuschen eines Wohnblocks. Fernseher liefen, Kinder lachten... nur ein Geräusch fehlte. Das meiner Schreie. Ich war mir ziemlich sicher, das jeder hier im Haus wusste, das Marc mich missbrauchte. Aber niemand sagte etwas. Ich hatte so gut wie gar keinen Kontakt zu den anderen Bewohnern und wollte es auch nicht. Dann kam ich an meiner Tür an. Da ich keinen Schlüssel hatte, musste ich läuten. Ich wartete auf das Geräusch meines Weckers. Darauf, das meine Mum hereinkam und mich weckte. Darauf, das ich in die Schule gehen konnte und vor niemandem Angst haben musste. Ich wartete auf die Chance, mein Leben zu verändern. Es komplett anders zu gestalten. Doch alles was ich verändern konnte, war die Art, wie Marc mich schlug.

 

Es fing an zu regnen, als ich unter die Dusche wollte. Na toll, dachte ich, du sollst noch mit Bessie raus. Ich entschied mich, erst  mit Bessie zu gehen. Es war schon sehr spät. Die Wolken hatten sich letzten Endes doch noch geöffnet, ich hatte nichts anderes erwartet. Mein Hund hatte ja nur langes Fell und liebte es, sich in den Pfützen zu suhlen. Ich zog mir meine Regenjacke an und rief nach meinem Hund. Dieser kam auch schon freudig angelaufen und kläffte mich an. Eine klare Aufforderung, die Tür zu öffnen. „Alles klar Bessie, aber ich warne dich: Wenn du komplett verdreckt zurückkommst, bleibst du heut Nacht draußen!“ Schwungvoll öffnete ich die Tür und ließ Bessie an mir vorbeilaufen. Sie lief die Einfahrt entlang und kläffte freudig vor sich her. Doch plötzlich blieb sie stehen. Ich sah ihr hinterher und erkannte eine Person. „Hallo?!“ rief ich. Doch es kam keine Antwort. Ich schaltete das Licht an, so dass ich etwas erkennen konnte. Endlich konnte ich sehen, wer dort in der Einfahrt stand.

 

Es regnete in Strömen, doch das kümmerte mich nicht im Geringsten. Mein Weg führte mich unwissend in einen Teil der Stadt, der mir nur von meinen wenigen Besuchen her bekannt war. Trotzdem fand ich meinen Weg, obwohl es dunkel war.

Nun stand ich da in der Einfahrt eines Menschen, der mir sehr nahe stand. Mein Kopf schmerzte und meine Arme fühlten sich an, als wären sie über Feuer gehalten worden. Plötzlich stand ein Hund vor mir und bellte mich an.

 

„Bessie! Hör auf!“ Der Regen schien immer stärker zu werden. Doch im Moment war das meine geringste Sorge. Anna stand mitten in der Einfahrt und bewegte sich nicht.

 „Anna!? Was machst du hier?!“ Bessie wedelte fröhlich mit dem Schwanz und freute sich über diesen unerwarteten und relativ späten Besuch. „Mike.. tut mir Leid, ich ... ich wollte nicht...“ An ihrer Stimme hörte ich, dass sie weinte. Ich ging schnellen Schrittes zu ihr hin. Sie zuckte zusammen, als ich meine Hände auf ihre Schultern legte. „Hey, ich bin’s doch... Mike. Lass uns rein gehen, sonst erkältest du doch noch.“ Ich nahm sie bei der Hand und musste sie mehr oder weniger hinter mir her ziehen. Bessie bellte schon wieder.

Ihre Hände waren eiskalt und sie war nass bis auf die Haut. Außerdem gab sie keinen Ton von sich, ja sie bewegte sich nicht einmal. Ich ließ Bessie draußen. Schnell holte ich ein Handtuch aus dem Bad. Als ich wieder in den Flur kam, war Anna nicht mehr da. Suchend sah ich mich um. Plötzlich hörte ich ein Klirren aus der Küche. Ich ließ das Handtuch fallen und rannte hin. Anna stand da, mit einem Messer in der Hand. Drauf und dran, es sich an die Pulsadern zu setzen. Ich sah, wie sie zitterte und sich nicht überwinden konnte, es zu tun. Langsam ging ich auf sie zu. Sie stand mit dem Rücken zu mir. Vorsichtig legte ich meine Hände auf ihre Arme, führte sie zu ihren Händen und hielt sie fest. „Das willst du doch gar nicht“, flüsterte ich. „Lass das Messer fallen, ich bitte dich Anna!“ Tränen liefen über ihr Gesicht. „Bitte lass es los“, wiederholte ich. Ihr Körper schüttelte sich richtig, vom vielen weinen. Dann ließ sie das Messer fallen. Ich drehte sie zu mir herum und nahm sie in den Arm. Ich drückte sie ganz fest an mich.

Sie weinte hemmungslos und sank zitternd zu Boden. Ich setzte mich zu ihr, und versuchte, sie zu beruhigen. Zwischen all dem schluchzen verstand ich das Wort „Telefon“ und „Krankenhaus“. Ich gab ihr mein Telefon und fragte mich, was los war.

 

Diese verdammten Tränen. Warum weinte ich eigentlich? Ich hatte keinen Grund zu weinen, aber ich konnte es nicht verhindern. Ich stand allein im Flur, zitternd und nass. Plötzlich kam mir ein erlösender Gedanke. Ich könnte das durchführen, was ich schon lange hatte durchführen wollen. Ich ging in die Küche, und kramte in Mikes Schubladen herum. Da war es. Das Messer, welches mich von allem erlösen sollte. Ich legte es mir an die Pulsadern. Doch irgendwas, tief in meinem Inneren, hielt mich zurück. Ich könnte mich nicht dazu überwinden, zuzudrücken. Plötzlich stand Mike hinter mir. „Das willst du doch gar nicht“, flüsterte er. Woher willst du das wissen, Mike? Kannst du in meinen Kopf gucken? Kannst du mir sagen, was mich zurückhält? „Lass das Messer fallen, ich bitte dich Anna!“ Schon wieder diese verfluchten Tränen.  „Bitte lass es los“, wiederholte Mike. Plötzlich war das wieder dieses Gefühl. Eine vergessene Wärme stieg für einen kurzen Moment in mir auf. Das Messer fiel zu Boden.

 

Als ich endlich das Krankenhaus an der Leitung hatte, konnte ich nur schwer wieder alle zusammensetzen, was passiert war. Mike sah mich die ganze Zeit über fragend an und schwieg. Am Ende des Gesprächs stand ich auf, und ging ins Wohnzimmer. Mike folgte mir. „Anna! Was ist passiert? Warum muss ein Notarzt in dein Apartment?“ Ich setzte mich aufs Sofa und sah Mike an. Mittlerweile hatte ich aufgehört zu weinen. Aber trotzdem brachte ich keinen Ton heraus. Mein Hals war total trocken. Mike holte mir etwas zu trinken.

 

Nachdem sie etwas getrunken hatte, lehnte sie sich zurück, zog die Beine an und starrte aus dem Fenster heraus. „Ich hatte die Zeit voll vergessen, als ich im Park saß. Ich war dann schnell zurück gelaufen, aber ihr wart schon weg gewesen. Rob war da. Ich hab mit ihm geredet und bin dann schnell zu mir nach Hause. Doch es war schon total spät und als Marc mir die Tür aufgemacht hatte, zog er mich hinein und fing an mich zu schlagen. Ich konnte mich nicht wehren, weil er meine Hände festgehalten hatte. Er zog mich in die Küche und lehnte mich gegen die Wand. Ich weiß nicht, was er genau vorhatte, aber das war mir im Moment dann auch egal. Er hatte eine meiner Hände losgelassen... Ich tastete herum und bekam eine Flasche zu fassen. Die schlug ich ihm auf den Kopf. Er fiel zurück und knallte mit dem Hinterkopf auf die Tischkante. Ich bin dann einfach losgelaufen, ohne mich um ihn zu kümmern.“

 

Ich wollte erst nicht glauben, was ich da hörte. Wäre Anna nicht so fertig gewesen, hätte ich es ihr nicht geglaubt. Ich hatte mir so was gedacht, aber das es Wirklichkeit war, ... nein, das konnte einfach nicht sein. Wieso war sie nicht schon früher zu mir beziehungsweise zu uns gekommen? Wir sind doch ihre Freunde. Die lügt man nicht an. „Wieso...wieso hast du nie was gesagt? Wir hätten dir doch geholfen!“ Anna sagte kein Wort. Sie saß da, schwieg und wippte hin und zurück. Ich rückte näher auf sie zu und nahm sie in den Arm. Ich wiegte sie wie ein kleines Kind. „Anna, ach Anna. Es tut mir Leid!“ Ich wusste, dass das nichts änderte, aber ich wusste nicht, wie ich mit der Situation umgehen sollte. Anna erwiderte meine Umarmung nicht. Sie drückte mich weg, sah mich an und sagte: „Mike, ich hab ihn geküsst!“ Ich sah sie an. „Wen?!“ Sie wandte ihren Kopf zur Seite. „Wen hast du geküsst, Anna?!“

Anna atmete schwer. Dann weinte sie wieder. Ich war völlig verwirrt. „Ich.. ich hab... hab...“, sie schwieg wieder für einen Moment, „Rob“ sagte sie dann. Es kam nicht gleich bei mir an, weil ich es nicht glauben wollte. Ich hielt es für einen schlechten Witz oder sonst was. „Wann?!“ fragte ich völlig perplex. Sie weinte immer noch, aber viel heftiger als vorher. „Als ich...“, sie holte wieder tief Luft, „als ich bei ihm war. Wir haben die ganze... die ganze Zeit geredet und,“ sie schluckte, „und er war mir so nah und ich .. ich kenne ihn schon so lange, und... er ist immer für mich da gewesen. Ich..“ sie sah mich direkt an, „es tut mir Leid!“ Ich konnte es nicht wirklich glauben, was hier gerade abging. Anna und Rob waren schon seit Jahren befreundet, das wusste ich. Aber die beiden waren sich noch nie näher gekommen. Warum sollte sich das nun ändern?! „Anna! Du solltest dich nun ausruhen. Du bist völlig fertig und hast ziemlich viel durchgemacht. Komm mit, ich bring dich nach oben. Da kannst du schlafen!“

„Und du?“ fragte sie. „Ich werde wach bleiben und da sein, wenn du was brauchst!“ versprach ich. Ihre sonst so wunderschönen Augen waren rot und voller Tränen. Sie war so ein wunderbarer Mensch. Warum musste sie so etwas durchmachen?

 

Als sie endlich eingeschlafen war, ging ich nach unten und ließ Bessie wieder herein. Sie war völlig durchnässt und schnüffelte wild umher. „Ruhig Bessie. Wir haben heute Nacht besuch. Als sei ein braves Mädchen und sei leise, ja?!“ Mein Hund wedelte mit dem Schwanz und legte sich dann auf ihre Decke. Ich hatte keine Ahnung, was ich nun machen sollte. Ich konnte Anna morgen nicht einfach gehen lassen. Die Wahrscheinlichkeit war zu groß, dass sie sich dann irgendetwas antat.

Ich ging ins Wohnzimmer. Ich setzte mich hin, um gleich darauf wieder aufzustehen. Ich ging zum Bücherregal, nahm ein Buch, schlug es auf, las den ersten Satz und stellte das Buch dann wieder zurück. Ich fand keine Ruhe. Dann fiel mein Blick auf das Telefon. Schnell wählte ich die Nummer von Rob. Ich musste einfach mit ihm reden. Es dauerte einen Moment, bis jemand abnahm. „Hallo?“

„Rob? Hier ist Mike“, sagte ich. „Mike! Alles okay?“

„Ich muss mit dir reden. Es geht um Anna. Kannst du vielleicht vorbeikommen?!“ fragte ich. „Ja klar. Wo sollen wir uns denn treffen?!“

„Würde es dir was ausmachen, herzukommen? Ich kann schlecht weg. Anna ist hier.“

„Alles klar. Ich bin in 10 min bei dir!“

„okay!“, sagte ich und legte auf.

 

Zehn Minuten später stand Rob in meinem Wohnzimmer. „Wie geht es ihr? Was ist passiert!“

„Marc“ sagte ich kurz und bat Rob dann, sich zu setzen. „Rob, bitte erzähle mir alles über Anna. Ich bitte dich als Freund. Ich will ihr helfen, doch dazu muss ich wissen, wie ihre Vergangenheit aussieht.“

Rob sah mich an. Dann nickte er. „Okay, ich verstehe. Aber es könnte länger dauern!“

„Ist okay, wir haben Zeit.“

Rob lehnte sich zurück und fing an, zu erzählen. 

 

„Ich kenne Anna nun schon seit der Grundschule. Wir haben uns vom ersten Tag an gut verstanden und hatten damals schon viel gemeinsam. Wir haben jeden tag miteinander verbracht. Als wir in die High School kamen, hielten uns alle für ein Paar. Aber das war nicht so. Wir hatten uns sehr verändert, seit der Grundschule. Anna war total verrückt nach Kunst. In jeder Pause hast du sie im offenen Kunstraum gefunden. Mr. Stevens, unser Kunstlehrer,  war auch immer dort. Er bot ihr auch an, ihr Privatunterricht zu geben. Anna nahm das an. Immerhin wollte sie Kunst studieren. Doch nachdem sie das Angebot angenommen hatte, veränderte sie sich vollkommen.“ Rob sah mich einige Sekunden schweigsam an. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie wütend ich war, als sie mir endlich sagte, was damals passiert war. Ich ...“ Unruhig stand Rob auf, ging zum Fenster und sah hinaus. „Wie konnte er ihr das antun? Sie war doch noch fast ein Kind! Ich meine... Sie konnte sich damals nicht wehren. Sie wusste doch gar nicht wirklich, was er damit ihr machte.“ Verwirrt sah ich Rob an. Was meinte er? Hatte er etwa...?!

„Was redest du da? Was ist passiert?!“ fragte ich. „Mike! Bist du schwer von begriff?!“ schrie Rob mich halbwegs an. „Kann schon sein ja… immerhin hat unsere Freundin versucht sich umzubringen!“ Rob sah entgeistert an. „Was?! Wie?!“

„Mit einem Messer. Aber sie hat sich wohl doch nicht richtig getraut. Zumindest hat sie gezögert.“

„Und das sagst du mir erst jetzt?!“ Eine Weile schwiegen wir uns an. „Was ist damals passiert?!“ Rob atmete tief durch. Offensichtlich fiel es ihm schwer, darüber zu reden. „Er hat... dieses Schwein hat Anna damals Vergewaltigt.“ Dieser Satz war wie ein Schlag ins Gesicht. „Was?“

„Ja du hast richtig gehört. Er hat sie immer und immer wieder vergewaltigt und ihr gedroht, er würde ihrer Familie auch etwas antun, wenn sie irgendetwas sagen würde.“

Mir wurde ganz schwindelig. All die Jahre, die ich Anna nun kannte hatte ich von all dem nichts gewusst und sie öfter damit aufgezogen, wie schüchtern sie doch sei. Nun wusste ich auch den Grund, weswegen sie immer so verlegen auf Komplimente von anderen Männern reagiert hatte. „Wie habt ihr das herausgefunden?!“ fragte ich. „Einmal wollte ich sie abholen, vom Kunstkurs. Ich wusste nicht, dass sie noch nicht fertig waren. Also bin ich einfach hineingegangen. Und dann sah ich Anna, wie sie in einer Ecke kauerte und versuchte, sich von ihm fernzuhalten, und wie er vor ihr stand und auf sie einschlug. Immer auf die Brust oder auf den Magen. Im ersten Moment war ich geschockt. Ich rannte hin, Mr. Stevens war total überrascht und konnte sich nicht mehr ducken, als ich zuschlug. Als er am Boden lag, trat ich auf ihn ein. Immer und immer wieder. Dann packte ich Anna an der Hand. Sie stand voll unter Schock. Wir sind dann gleich zur Polizei gegangen. Er kam ins Gefängnis. Nach dem Prozess ist Annas Familie umgezogen. Damit er sie nicht finden konnte. Anna kam in eine Therapie und nach anderthalb Jahren war sie fast wieder die Alte. Sie war offener als vorher, aber sie reagiert total verschreckt auf Berührungen von Männern. Sie musste sich erst wieder an mich gewöhnen. Ja und dann haben wir Marc kennengelernt. Vom ersten Moment an war er in Anna verliebt gewesen. Anna war sich damals nicht so sicher, weil sie immer noch Angst hatte. Ich hatte ihr dann den Rat gegeben, es mit ihm zu versuchen. Ich weiß nicht, ob sie ihm erzählt hat, was man mit ihr gemacht hat. Heute bin ich mir sicher, das er es nicht weiß.“ Rob hatte sich währenddessen wieder hingesetzt. Ich brachte kein Wort heraus. „Ich bin Schuld, dass Anna immer noch mit Marc zusammen ist. Das sie wieder geschlagen und misshandelt wurde und das sie nicht mehr Leben will. Es ist alles meine Schuld!“ Tränen rannen über das Gesicht meines Freundes. Ich wusste nicht so recht, was ich machen sollte. Also legte ich meine Hand auf seine Schulter und sagte: „Rob. Es ist nicht deine Schuld. Niemand kann in die Zukunft sehen. Der einzige der hier Schuld hat, ist Marc. Du bist Annas bester Freund, das hast du selber gesagt. Und wenn sie dir die Schuld geben würde, hätte sie dich nicht geküsst oder?!“ Geschockt sah Rob  mich an. Shit, das hatte ich nicht sagen sollen. „Du.. du weißt es?! Woher?!“ Ich versuchte zu lächeln. Aber es gelang mir nicht. „Anna hat es mir gesagt.“

Sie kennen sich schon seit Jahren... Es war nur EIN Kuss. Was, wenn es nur Mitleid war?! All diese Gedanken schossen mir durch den Kopf. Rob saß da und starrte aus dem Fenster. „Ich weiß auch nicht, warum ich das gemacht hab. Ich meine, ich habe noch nie mehr als Freundschaft für sie empfunden. Auch wenn einige jetzt sagen würden, dass das gar nicht angehen kann. Aber Anna war für mich immer wie eine kleine Schwester. Nie das Mädchen, das ich Liebe! Wirklich Mike!“ Ich sah ihn an. „Warum sagst du mir das?“ fragte ich. Rob lächelte. „Wir wissen alle, dass du in Anna verliebt bist. Du hast dir so große Sorgen um sie gemacht und tust es jetzt immer noch.“ Ich drehte mich weg. „Ja kann sein. Aber sie empfindet sowieso nichts für mich. Also ist es sinnlos nun darüber zureden.“

„Glaubst du wirklich, sie wäre zu DIR gelaufen, im Dunkeln, wenn es regnet, wenn sie dich nicht auch mögen würde. Ich weiß das sie dich sehr gern hat.“

Das wollte ich nicht hören. Ich wollte nichts davon wissen. Anna war für mich unerreichbar, das wusste ich. „Das ist nun egal Rob. Wir müssen uns was überlegen, wie wir Anna in Sicherheit bringen können. Marc wird sicherlich bald wieder aus dem Krankenhaus kommen. Und dann wird er nach ihr suchen.“ Rob überlegte. Ich weiß nicht, wie lange wir in meinem Wohnzimmer saßen und uns überlegten, wie wir Anna in Sicherheit bringen könnten. Aber plötzlich kam mir eine Idee. „Wir könnten sie zu meinen Eltern bringen.“ Verwirrt sah Rob mich an. „Wie, zu deinen Eltern?!“

„Wenn Marc geschnallt hat, dass sie weg ist, wird er als erstes zu uns kommen. Dann wird er bei ihr zu Hause nachsehen wollen und dann bei dir. Aber er wird nicht darauf kommen, dass Anna bei einem von unseren Eltern ist. Außerdem weiß er gar nicht, wo meine Eltern wohnen!!“ Rob strahlte über das ganze Gesicht. „Mike, das ist eine super Idee!“

„Jetzt müssen wir nur noch alles so hinbekommen, das er nicht merkt, dass wir weg sind.“

Ich weiß nicht, was in diesem Moment in mir abging, aber es war etwas, das mir sagte, dass bald alles gut werden würde!

 

Als ich aufwachte war es draußen bewölkt. Ein Blick auf den Wecker verriet mir, dass es bereits 11.30 war. Verdammt, wieso hatte Marc mich nicht geweckt? Moment – Das ist nicht unser Schlafzimmer. Und das sind auch nicht meine Klamotten. Schnell stand ich auf, drehte mich um und zuckte zusammen, als ich Mike sah. Er saß in der Ecke in einem Schaukelstuhl und schlief. >er sieht aus wie ein kleines Baby, wenn er schläft! < dachte ich. Ich schlich zur Tür und wollte gerade in den Flur treten, als ein Hund anfing zu bellen. „Sei still, pssst! Hörst du nicht?! Dein Herrchen schläft doch noch! Sei doch bitte still!“, flehte ich den Hund an. Doch dieser bellte freudig weiter und wedelte mit dem Schwanz. „Du brauchst dich gar nicht zu bemühen.“ Na toll. Nun war Mike auch wach. Strafend sah ich den Hund an. Ich drehte mich um und sah Mike an. „Tut mir Leid, ich wollte dich  nicht wecken!“

„Bessie hört nie auf zu bellen, solange man ihr nicht den Kopf gekrault hat!“, fuhr Mike fort. „Wie wär’s mit einem Spaziergang und,“ schlug Mike vor, doch ich unterbrach ihn. „Mike ich muss gehen!“

„danach frühstücken wir und...“

„Mike, hast du gehört?“

„dann werden wir uns einen relaxten Tag machen denn heute ist ja keine Probe. Du kannst dich ausruhen,...“

Ja verstand er denn nicht? Wenn ich hier nicht verschwinde, dann kommt Marc. Während Mike so weiter redete, drehte ich mich um und lief die Treppe herunter. Ich sah mich um. In Mikes Haus kannte ich mich gar nicht aus. „Wenn du die Haustür suchst, bist du schon dran vorbeigelaufen“, sagte Mike. Er stand an eine hölzerne, hübsch verzierte Tür gelehnt.

 

Ich darf sie unter keinen Umständen gehen lassen! Dann würde Marc sie nur wieder zusammenschlagen. „Mike, lass mich bitte raus. Ich muss los!“ bat sie mich. „Wenn du raus willst, musst du an mir vorbei!“ Ich hoffte, dabei ernst zu klingen. Ich wollte sie nicht verletzen. „Wenn du mich nicht gehen lässt, werden wir beide bald ein großes Problem haben!“ Ich zuckte mit den Schultern. Anna kam langsam auf mich zu. „Du kannst mich hier nicht festhalten! Das ist Freiheitsentzug!“ Wieder zuckte ich mit den Schultern. Entgeistert sah sie mich an. „Du willst mich hier einsperren?“

„Es ist zu deiner eigenen Sicherheit“, sagte ich ruhig.  „Vergiss es, ich lass mich nicht gerne festhalten!“

„Ich werde nicht zulassen, das du wegen einem Arschloch wie Marc es ist, krepierst! Wenn er dich nämlich in die Finger bekommt, wird er so lange auf dich einschlagen, bis du tot bist!“ Geschockt sah sie mich an. „Ach komm, jetzt sag nicht, das du das nicht selber gewusst hast! Wir wissen beide, dass er dich nur noch festhält, um nicht gedemütigt zu werden. Und damit du nicht zur Polizei gehst und ihn anzeigst wegen Jahrelanger Vergewaltigung und Missbrauchs. Aber du lässt alles über dich ergehen. Würde ich dich jetzt schlagen, würdest du es auch über dich ergehen lassen! Es ist genau wie damals mit Mr. Stevens! Warum lässt du das mit dir machen?!“

Geschockt sah Anna mich an. „Woher...?“

„Rob hat mir alles erzählt! Er war gestern noch hier.“

Anna sank zu Boden. Ihr Blick war starr geradeaus gerichtet aber sie erfasste nichts. „Anna, wir wollen dir nichts tun. Wir wollen dir helfen von Marc loszukommen!!“

Doch sie reagierte nicht. Ich ging zu ihr, und kniete mich hin. Sie war völlig weggetreten. Scheiße, was hatte ich getan?!

 

Ich sah einen Raum voller Bilder, Leinwänden und Farbbehältern. Dieser Raum kam mir bekannt vor. Ich sah mich um. Ein kleiner Tisch, der als Pult diente, darauf eine Tasche. Neben einer mittelgroßen Leinwand ein Rucksack. Voll mit Band Patches und Buttons. >Hey, die Tasche kenn ich! < dachte ich. Ich wollte sie mir genauer ansehen, doch gerade als ich mich herunterbeugte, bemerkte ich einen Mann, der neben einem Schrank stand. „Oh, Entschuldigung, ich wusste nicht, dass noch jemand hier ist!“ sagte ich. Doch der Mann hörte mich nicht. Ich sah genauer hin und sah ein kleines Mädchen, das vor ihm kauerte und ihre Hand in seiner Hose hatte. „Du hast selber Schuld, wer ungezogen ist, wird bestraft!“ sagte er, zog das Mädchen zu sich herauf und boxte es in den Magen. „HEY! Hören sie damit auf!“ schrie ich. Aber sie hörten mich nicht. Er presste das Mädchen gegen den Schrank und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Flehend sah sie ihn an. „Nein, bitte nicht!“ Sie versuchte sich loszureißen, doch der Mann hielt sie fest. Das Mädchen wandte sich und presste ihre Hände gegen die Brust des Mannes. Plötzlich fiel sie wieder zu Boden. „Du kleines Miststück!“ Er trat auf sie ein. Ich lief zum Schrank und versuchte den Mann wegzuziehen. Doch meine Hände griffen ins Leere.

Plötzlich wurde die Tür geöffnet. Ein Junge stand in der Tür. Geschockt sah er zum Schrank hin. Ich betrachtete den Jungen genau. Und auf einmal wusste ich, wo ich war.

Ich war im Kunstraum der High School auf die ich damals gegangen war. Und der Junge in der Tür war Rob. Dann war das Mädchen ... ich war das Mädchen. Ich war in eine Erinnerung gerutscht, die ich jahrelang verdrängt hatte.

 

Als ich meine Augen öffnete, wurde mir schwindelig. „Ich weiß nicht, aber es ist halt einfach so passiert!“, hörte ich jemanden sagen. Es war eindeutig Mike. Aber mit wem sprach er? Und warum lag ich auf seinem Sofa? Ich versuchte mich aufzusetzen, was mir komischerweise auch gelang. Es drehte sich alles und mein Kopf dröhnte, als wenn ich tagelang durchgefeiert hätte. Langsam stand ich auf und suchte nach den Stimmen. Ich fand sie in der kleinen Küche. Rob saß auf einem Hocker und sah Mike fassungslos an. Dieser hatte seinen Kopf auf die Tischplatte gelegt. Niemand schien mich bemerkt zu haben, also stellte ich mich so hin, dass sie mich nicht sehen konnten. „Wie konntest du sie daran erinnern? Mike! Weißt du eigentlich, was sie mit ihr gemacht haben, als sie in der
Therapie war? Sie haben ihr mehr oder weniger eine Gehirnwäsche verpasst, damit sie das vergisst und wieder normal leben kann...“

„Verdammt Rob! Es tut mir Leid, ich hab nicht nachgedacht. Ich wollte nur nicht, das sie zu Marc läuft und er sie dann vielleicht umbringt!“, unterbrach ihn Mike. „Scheiße Rob ich will nicht, das ihr was passiert! Ich ... weißt du, jedes Mal, wenn ich sie sehe, habe ich so ein komisches Gefühl im Bauch. Und wenn ich dann sehe, wie Marc sie an sich reißt dann... dann hab ich solch eine Wut, und möchte ihn am liebsten zusammenschlagen! Glaub mir!“ Ich wollte gar nicht glauben, was ich da hörte. Mike hatte noch nie jemandem etwas getan. Ich hab ihn noch nie wütend erlebt.  Und was war das mit dem komischen Gefühl im Bauch?! Ging es ihm etwa wie mir?

Nein!!! Nie im Leben! Mike steht nicht auf so fertige Weiber wie mich. Ich bin doch unten durch. Immerhin... ach verdammt. Marc wird mich nie gehen lassen. Da bringt es auch nichts, zur Polizei zu gehen. Er wird früher oder später wieder raus kommen und dann bin ich fällig. Dann wird er.... Ich merkte, wie mir Tränen das Gesicht runter rannen.

Verdammt. Ich wollte doch nicht mehr weinen! Nicht wegen einem Kerl, dessen Ego ... was rede ich hier? Bin ich nun vollkommen übergeschnappt? Ich Liebe Marc! Ich kann gar nicht ohne ihn Leben.

Leise schlich ich mich in den Flur. Der Hund war nirgends zu sehen. Die Haustür war unbewacht. Ich zog meine Schuhe an und öffnete leise die Tür.

 

Ich war vollkommen durcheinander. Was hatte ich mir dabei gedacht, sie so anzuschreien? Ich wusste doch, dass es...

Ach verdammt ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.

„Ich werde mal nach ihr sehen!“, sagte Rob. Ich nickte nur.  Aufmunternd klopfte Rob mir auf die Schulter. Ich sah immer das gleiche Bild. Anna, wie sie vor meinen Augen zusammenbrach. Immer und Immer wieder... mal in Slowmo und dann in voll speed.

„Scheiße!“

Das war Rob. „Scheiße Mike! Sie ist weg!“ ich stand so schnell auf, das der Stuhl umfiel. Schnell rannte ich ins Wohnzimmer. „Was machen wir jetzt?!“ fragte Rob aufgeregt.

„Wir rufen die anderen an!“

„Ja aber..“

„Kein aber Rob. Wenn wir sie finden wollen, dann müssen sie uns helfen! Das können wir unmöglich allein schaffen!“

Das sah er ein. Schnell schnappte ich mir mein Telefon und rief die anderen an. Sie sollten so schnell es geht nach ihr suchen. „Ich nehme Bessie mit. Rob du suchst im Park und am See okay?“ Er nickte. „Ich hab mein Handy mit. Wenn ihr sie gefunden habt, ruft an okay?“ Er nickte. Schnell nahm ich meinen Hund an die Leine und rannte los. Ich wusste nicht, wo ich suchen sollte. Aber das war im Moment auch nicht wichtig. 

 

Ich rannte ziellos durch die Gegend. Ich wusste nicht genau, wo ich hin sollte. Ich überlegte die ganze Zeit, ob meine Gefühle zu Marc wirklich echt waren. Ich war vollkommen verwirrt. Erst das komische Gefühl im Bauch, wenn Mike in meiner Nähe ist, dann der Kuss von Rob und jetzt wieder diese dummen Gedanken an Marc. Scheiße ich konnte einfach nicht mehr. Ich wollte auch nicht mehr. Plötzlich kam mir ein erlösender Gedanke. Ich könnte dem Allen ein jähes Ende setzen. Mein weg führte mich in das Südviertel der Stadt.

 

Ich wusste echt nicht, wo ich nach ihr suchen sollte. Es gab im Moment ja auch keinen Anhaltspunkt, wo sie sein könnte. Ich glaubte nicht, dass sie nach Hause laufen würde. Sie hatte auch keinen Schlüssel. Ich machte mir Vorwürfe. Warum ist mir nicht früher aufgefallen, dass sie immer irgendetwas hatte, das ihr weh tat? Warum war ich so blind gewesen? Und warum hatte ich ihr nie gesagt, wie sehr ich sie mag?! Es war alles nur noch mist.

 

Wenn ich das tat, würden alle Glücklich werden können. Marc könnte mit Mary glücklich werden, Mike und Rob müssten sich keine Sorgen mehr um mich machen und die anderen... denen war ich eh egal. Die Brücke kam näher. Der Himmel wurde Dunkel. Es war wie in einem schlechten Film. Die Zipperjacke von Mike brauchte ich nun nicht mehr. Sie würde mich im Nachhinein nur stören. Ich zog sie aus, und warf sie hinter mich. Plötzlich kam mir ein Lied von Smile Empty Soul in den Sinn. „With this Knife”. Es passte zwar nicht wirklich zu der Situation, in der ich mich in den nächsten Minuten befinden würde, aber im Prinzip beschrieb es mich.

With this knife I cut up a part of me
the part that cares for you
With this knife I cut up the heart of me
the heart that cares for you

Ich rannte los.

 

Mein Hund rannte vor mir her. Sie schien etwas gewittert zu haben. Ich verließ mich auf ihren Geruchssinn. Plötzlich sprintete Bessie los. Ich stratzte hinterher und sah schließlich, was Bessie gefunden hatte. Meine Zipperjacke, die Anna getragen hatte. Ich hob sie auf. Ein böser Gedanke kam mir in den Sinn. Was wenn....?! >Nein Mike. Denk nicht mal dran! So was macht sie nicht! < Doch dann kam mir die Szene aus meiner Küche in den Sinn. Wie sie das Messer an ihre Arme gehalten hatte. „Bessie! Hier such!“  Ich hielt ihr die Jacke hin und sie schnüffelte dran. Sie bellte und lief los. Hoffentlich war es noch nicht zu spät!

 

Da war sie. Die Brücke! Bald würde ich nicht mehr denken können! Bald würde alles weggeschwemmt sein. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Ich musste bei der Vorstellung, gleich zu sterben, lächeln. Ich wusste nicht warum, aber es durchfuhr mich eine Welle des Glücks. Gleich würde es vorbei sein. Nie wieder Schuldgefühle gegenüber meinen „Freunden“. Nie wieder die Angst vor Marc. Nie wieder diese Schizophrenie. Ich wusste nicht, ob ich Marc wirklich liebte. Ich wusste es wirklich nicht. Aber irgendwas war da, was meine Gefühle für ihn all die Jahre aufrechterhalten hatte. Ich wusste im Moment nur nicht was. Ist ja auch egal!

Zu allem Überfluss hatte es auch noch angefangen zu regnen. Nun war es wirklich so schlecht wie im Film! >na ja, dann hast du eben einen glorreichen Abgang Anna! < dachte ich. >Ist doch mal was anderes.... Nee eigentlich doch nicht. Am besten springe ich gleich, sonst kommt noch irgendwas dazwischen. <

 

Ich rannte so schnell ich konnte. Bessie war mir schon ein ganzes Stück voraus. Ich hatte nicht wirklich eine Vorstellung von dem, was mich gleich erwarten würde. Es fing an zu regnen. Na toll...auch das noch. Ich versuchte noch schneller zu laufen. Einige Autos fuhren hupend an mir vorbei. Warum hupten sie? Ich lief doch auf dem Gehweg. Als ein Auto von hinten kam, erkannte ich plötzlich, warum sie hupten. Im Lichtkegel des vorbeifahrenden Autos erkannte ich eine Frau, die am Rand der Brücke stand. Sie war zirka 40 Meter von mir entfernt. „Scheiße! Anna nicht!“

 

Einige Autos fuhren hupend an mir vorbei. Doch das störte mich nicht. So lange sie nicht anhielten und versuchten, mich von meinem Vorhaben abzuhalten...

Ich ließ einige Momente aus meinem verkacktem Leben nochmals passieren. Es waren nicht viele, aber immerhin gab es überhaupt etwas, woran es sich zu erinnern lohnte. Mir war klar, dass ich meinem Leben ein Ende setzen wollte. Ich war mir sicher, dass ich somit alle Probleme lösen könnte. Denn wenn ich nicht da bin, dann sind alle glücklich. Niemand braucht sich dann über mich aufzuregen oder sich Sorgen zu machen. Vielleicht wird es welche geben, die anfangs um mich weinen. Aber das wird vorüber gehen. Es wird bald alles Besser sein. Besser für die anderen. Und besser für mich. Ich werde bald frei sein. Niemand wird mich mehr gefangen halten können. Nicht in diesem Körper. Meine Seele wird dann Atmen können. Niemand wird mich mehr missbrauchen oder vergewaltigen können. Und ich muss dann auch keine Tabletten mehr nehmen, um es hier überhaupt auszuhalten! Es wird wundervoll werden. Mich trennte noch weniger als ein halber Meter von der Erlösung, als ich einen Hund bellen hörte. Ich drehte meinen Kopf zur Seite und sah Bessie. Einige Meter hinter ihr stand Mike. Er sah mich flehend und fassungslos an. „Anna...“

 

Verdammt, was macht sie da? Warum?!--- Ich bekam keinen klaren Gedanken mehr hin. Ich verstand es nicht. Warum wollte sie springen?

Bessie stand vor ihr, wedelte freudig mit dem Schwanz und wartete darauf, von Anna gestreichelt zu werden. Doch sie stand nur da, im Regen, nass bis auf die Haut und sah mich an. Ihr Blick war kalt und böse. „Verschwinde Mike!“, sagte sie. Ihre Haare klebten ihr im Gesicht. „Ich werde bestimmt nicht verschwinden! Das kannst du vergessen!“

„Mike! Hau endlich ab, du wirst es nicht verhindern können! Glaub mir. Meine Entscheidung ist gefallen! Ich werde euch keinen Kummer mehr bereiten! Niemandem.“

„Du machst uns keinen Kummer!“

„Ach ja?“

„Ja! Glaub mir, wir wollen dir helfen dein Leben zu verbessern!“ Ich versuchte, einige Schritte näher zu kommen. Doch sie merkte es. „Noch einen Schritt Mike, und ich springe!“

„Das ist es doch was du willst, oder nicht?!“, fragte ich nach. >Jetzt Provoziere sie doch nicht!< sagte eine Stimme in meinem Kopf. >Wenn du sie provozierst, bekommt sie vielleicht Angst und springt nicht!< sagte eine andere Stimme. Sie sah  mich an. „Ich will springen. Ja. Aber nicht, wenn du dabei bist. Das will ich dir nicht auch noch antun.“

„Was hast du mir denn noch angetan?!“

„Du hast dich in mich verliebt! Das hab ich dir angetan.“
>Woher weiß sie das?!<

„Ich will euch nicht noch mehr Kummer bereiten. Wenn ich weg bin, werden alle glücklich sein!“ Sie ging näher auf die Kante der Brücke zu. Sie sah mich nicht an. Schnell ging ich noch einige Schritte näher. „Anna. Wenn du weg bist, wird überhaupt nichts gut werden. Hörst du?!“ Wütend sah sie mich an. „und warum?!“

„Weil wir dich alle so sehr lieben! Du bist einer der wichtigsten Personen in meinem Leben! Und nicht nur in meinem. Sondern auch in Robs. Und in dem deiner Eltern!“

„Jetzt fang nicht von meinen Eltern an! Sie waren nicht da, als ich sie am meisten gebraucht hab.“

„Hör zu Anna. Ich wollte dich nicht an deine Vergangenheit erinnern, ich…“

„Hast du aber! Und daran ist nun nichts mehr zu ändern. Und nun geh und lass mich allein mein Leben beenden ok?!“

 

Der Regen wurde immer stärker und ich spürte, wie sich die Kälte durch die Klamotten fraß, die ich trug. Doch das störte mich nicht sonderlich. Das einzige, das mich hier störte, war Mike. Warum ging er nicht einfach? Es war doch eigentlich egal, was mit mir passiert. Er würde eine andere finden. Genau wie Marc.

Im Prinzip waren doch alle Männer gleich. Sie alle suchten doch nur ein Mädchen, das sie befriedigte. Von echten Gefühlen war da nicht die Rede. Ich sah die Brücke hinunter. Ich könnte ganz leicht springen. Mike könnte mich nicht aufhalten. Warum tat ich es nicht einfach?

>Weil du ihm das nicht antun willst! < sagte eine Stimme. >Ist doch egal, er ist auch nur ein Kerl! ER wird es überleben. DU nicht! < sagte eine andere.

„Anna, bitte. Komm zu mir. Ich will dir doch nur helfen. Rob und ich haben uns überlegt, wie wir dich von Marc wegkriegen. Wir..“

„Wie bitte?!“

„Ja. Du willst doch von ihm weg. Oder nicht?“

„Wer sagt denn so was?“ Drehte ER jetzt völlig durch oder war ich diejenige, die sich hier etwas zurecht spann?
“Warum stehst du dann hier?!“ fragte er. „Das hab ich dir schon gesagt. Ich will euch keinen Kummer mehr machen. Verdammt Mike! Geh nun endlich! Ich will das du verschwindest!“

„Was ist los mit dir? Warum denkst du, dass du uns Kummer machst?!“

Ich lachte. War er wirklich so dumm?

„Mike. Ich stehe nicht hier, weil ich von Marc weg will. Ich stehe hier, weil ich Marc Liebe und weil ich ihm keine Sorgen mehr bereiten will. Wenn ich weg bin, muss er sich nicht mehr aufregen und so. Verstehst du? Ich..“

„Falsch! Du liebst ihn nicht!“

„Doch das tue ich! Und er liebt mich!“

„Nein Anna! Er weiß gar nicht, was Liebe ist. Für ihn bist du nur eine Trophäe. Er hat dich damals geliebt. Aber nun bist du nichts Weiteres als ein Anhängsel. Anna! Mach die Augen auf! Sieh dich endlich mal um! Merkst du es denn nicht?!“

Ich wurde langsam echt wütend. „Was merken?!“

„Das ICH dich Liebe!“

„Nein! Bitte sag so was nicht. Bitte!“ Tränen stiegen mir in die Augen. Scheiße, warum weinte ich jetzt? Mike war mir doch egal. Ich Liebte doch Marc.

>Du liebst ihn! Du liebst ihn! < Wieder diese Stimme.

„VERSCHWINDE MIKE! GEH ENDLICH!“ schrie ich.

„Geh!“

Er war näher gekommen.

 

Trotz des Regens sah ich die Tränen, die ihre Wange hinunterliefen. „Anna. Bitte komm zu mir! Mach keinen Scheiß ok?!“

„MIKE HAU ENDLICH AB!“ schrie sie mich an. „Ich kann jetzt nicht einfach so gehen. Wenn du springst, dann spring ich hinterher!“

„Jetzt komm mir nicht mit der Masche aus Titanic Mike. Ich meine es ernst.“ Sie sah die Brücke hinunter. Es waren bestimmt 30 Meter. Das Wasser war eiskalt und bei einem Aufprall aus dieser Höhe würde es nicht möglich sein, das ohne Verletzungen zu überstehen. „Ich auch!“ sagte ich. Ich war fast bei ihr. „Anna,“ versuchte ich ruhig zu sagen, „ glaub mir. Es ist keine Lösung. Rob und ich, wir ... wir haben uns etwas überlegt...“

„Das sagtest du schon.“

„Ich weiß. Aber wir wollen dich vorerst zu meinen Eltern bringen. Dann kannst du...“ Doch wieder unterbrach sie mich. „Zu deinen Eltern? Spinnst du?“

„Anna, verdammt jetzt hör mir zu. Ich,...“

Dann passierte alles ganz schnell.

Ich griff nach ihrer Hand, wodurch Anna sich erschrak und mir eine Ohrfeige gab. Sie verlagerte ihr Gewicht, veränderte die Stellung ihrer Füße. Dabei rutschte sie aus und fiel über die Kante der Brücke. Ich konnte ihr Gewicht wegen ihrer nassen Hand nicht halten und dann sah ich nur noch, wie sie fiel.

 

>Was bildete er sich eigentlich ein? Mich zu seinen Eltern zu bringen. Versteht er denn nicht, das ich...<

Er griff nach meiner Hand. Das kam so überraschend, dass ich meine Hand hob, ihm eine Ohrfeige gab, und dann irgendwie ausrutschte.

Dann merkte ich nur noch, wie ich den Boden unter den Füßen verlor.

 

„ANNA!“

 

Endlich, gleich würde ich frei sein! Nie wieder Schmerzen, nie wieder das Gefühl der Leere, nie wieder....


Scheiße nein. Was hab ich getan. Ohne zu überlegen stieg ich auf die Kante der Brücke und sprang hinterher. 

 

Es war schon 2 Uhr Morgens, als Rob endlich im Krankenhaus ankam. Er keuchte und war nass bis auf die Haut. „MIKE!“, rief er und rannte auf mich zu. In der Hand hatte er eine Tasche, in der wohl meine Klamotten drin waren. Rob ließ die Tasche fallen und umarmte mich. Ich fiel beinahe hinten über… „Rob! Rob, ganz ruhig!“

„Scheiße, Mike, weißt du eigentlich wie schnell ich vom Westviertel zur Brücke gefahren bin? Ich hab nicht mal 5 Minuten gebraucht.“

„Und warum kommst du erst jetzt?!“

„Ich musste deinen Hund noch suchen. Und dann zu dir und die Sachen holen.“

„Wo ist Bessie nun?!“

„Sitzt in meinem Auto. Wie geht’s Anna?!“

Mein Blick fiel zu Boden.

„Sie schläft. Die Ärzte haben ihr Beruhigungsmittel gegeben.“ Verwirrt sah Rob mich an. „Wieso das?!“

„Lass uns irgendwo hinsetzen, ok?!“ Ich ging voraus, Rob trottete hinter her.

Ich atmete tief durch, und versuchte, all meine Gedanken wieder zusammen zu kriegen. Doch irgendwie klappte es nicht. Ich hatte wohl doch einen Filmriss. „Shit Rob. Es ging alles so schnell. Der Regen, das viele Wasser, die Kälte. Und dann will ich ihr helfen und sie fällt. Scheiße Rob. Ich bin schuld!“

Eine Weile schwiegen wir uns an. >Es muss hart für ihn sein,< dachte ich. >Immerhin wollte seine beste Freundin sich umbringen. Ich weiß nicht, wie ich mich an seiner Stelle verhalten würde. Ich glaube ich würde mir in die Fresse hauen!<

„Hat sie irgendwelche schlimmen Verletzungen?“ fragte Rob flüsternd. Ich wusste nicht, was genau ich darauf antworten sollte. „Sagen wir so. Sie hat einige gebrochene Rippen und ein Paar neu blaue Flecke. Und dann noch die Verletzungen, die Marc ihr immer zugefügt hatte. Die Tabletten hat sie bekommen, damit man sie untersuchen konnte. Sie wollte wirklich sterben Rob!“

Wir hörten ein leises Räuspern hinter uns. Ich musste mich nicht umdrehen, um zu wissen, wer es war. Rob stand auf, und begrüßte die Jungs. „Wie geht’s ihr?!“, fragte Brad. Aus den Augenwinkeln heraus sah ich, wie Rob nur den Kopf schüttelte und ihm damit klarmachte, das er später alles erfahren würde. Schweigend nahmen sie Platz. Als nach zwei Stunden immer noch kein Arzt aufgetaucht war, sagte Joe: „Mike? Komm lass und einen Kaffee trinken oder so. Wir sollten nicht die ganze Zeit hier warten.“ Doch ich schüttelte den Kopf. „Nein, ich bleibe hier. Geht ihr ruhig. Ich hole euch, wenn ein Arzt hier war.“ Meine drei besten Freunde standen auf und ließen mich endlich wieder allein. Ich versuchte, den genauen Ablauf zusammenzukriegen. Doch irgendetwas fehlte.

 

Nachdem ich nach ihrer Hand gegriffen hatte, wusste ich nur noch, dass ich ihr hinterher gesprungen war. Aber was war dann passiert? Wie hatte ich Rob verständigt?

Ich sah mich auf dem Flur um. Kein Arzt war zu sehen. Schnell schlich ich zu Annas Zimmer und öffnete leise die Tür. Es war keine Schwester bei ihr, also konnte ich mit Anna reden. Sie lag da und schlief. Es müssten ziemlich starke Beruhigungsmittel gewesen sein. Oder sie war einfach nur Müde. Ich zog einen Stuhl heran und hielt ihre Hand. „Anna, bist du des Lebens so müde, das du von uns gehen wolltest? Warum? Du weißt doch, das die Jungs und ich alles für dich tun würden!“ Keine Regung in ihrem Gesicht. Ich spürte, wie mir Tränen über die Wangen liefen. „Verdammt Anna! Ich Liebe Dich! Ich Liebe Dich, seit ich dich das erste Mal sah! Seit ich bemerkt habe, das Marc nicht gut für dich ist und das du unter ihm nur leidest! Ich will nur, dass du glücklich bist und immer lachst! Denn du hast so ein wunderschönes Lachen! Du bist einer der wundervollsten Menschen dieser Welt. Und Glaub mir, nicht nur ich wäre unglücklich, wenn du nicht mehr da wärst. Ich wäre weiß Gott nicht der einzige! Anna! Bitte... bitte komm zu dir und..... und lass mich dich lieben!“ In diesem Moment öffnete sich die Tür und eine Schwester trat ein. „Mr. Shinoda, wir haben sie schon überall gesucht. Sie müssen noch untersucht werden! Und überhaupt: Wer hat ihnen erlaubt, hier zu sein?!“ Sie schien keine Antwort zu erwarten, denn sie zog mich am Arm nach draußen. Anna! Ich bin bald zurück!

 

To Be Continued... 


One

be.ginn
be.sucht
be.kannt
ge.funden

Two

ge.scheit
ge.liebt
ge.lacht

Three

ge.hoert
ge.sehen
ge.habt
ge.schrieben

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